{"id":984,"date":"2021-01-30T09:34:12","date_gmt":"2021-01-30T09:34:12","guid":{"rendered":"https:\/\/n.dorfgeschichte-mettmenstetten.ch\/?page_id=984"},"modified":"2021-12-04T14:09:37","modified_gmt":"2021-12-04T14:09:37","slug":"hungerjahr-1816","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/dorfgeschichte-mettmenstetten.ch\/index.php\/hungerjahr-1816\/","title":{"rendered":"Hungerjahr 1816"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-7387b849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:25%\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:17px\"><strong>Mettmenstetter erinnern sich<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"\/index.php\/auf-der-walz\/\">Auf der Walz<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"\/index.php\/erinnerung-an-die-dorflinde-im-oberdorf\/\">Erinnerung an die Dorflinde<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"\/index.php\/hungerjahr-1816\/\">Hungerjahr 1816<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"\/index.php\/spitznamen-uebernamen\/\">Spitznamen, \u00dcbernamen<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"\/index.php\/ueberlieferungen\/\">\u00dcberlieferungen, Anekdoten<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"\/index.php\/konkubinat\/\" data-type=\"link\" data-id=\"\/index.php\/konkubinat\/\">Konkubinatsvergehen<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/dorfgeschichte-mettmenstetten.ch\/index.php\/katzenschmaus\/\">Katzenschmaus<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:50%\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:30px\"><strong>Hungerjahr 1816<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:15px\"><em>Karline Schneebeli (geborene Frick, gelebt 1855-1940) aus Herferswil hatte 1939 in einem Aufsatz beschrieben, wie ihre Mutter das Jahr 1816 erlebt hatte<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir leben gegenw\u00e4rtig in ganz schwierigen Zeiten (Kriegs-Jahre ca. 1939) und wenn man die Zeitungen liest, muss man denken wie viel Not und Elend hat\u2018s allerorten und doch sind nicht Miss\u00adernten daran schuld wie anno 1816.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Eltern haben jene Zeit durchmachen m\u00fcssen und haben mir dutzendmal davon erz\u00e4hlt. Dazumal waren die Leute nicht so auf Viehzucht eingestellt. Sie mussten Ackerbau betreiben da sie die Lebensmittel selber pflanzen mussten, weil noch keine Eisenbahn und Dampfschiffe vorhanden waren, somit auch die Einfuhr ganz unbedeutend war. Die grossen Bauern hatten wohl etwas Vorrat, aber nicht f\u00fcr lange Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann kamen Missjahre und das Jahr 1816 war das Schlimmste von allen, man konnte im Fr\u00fchjahr zur Not anpflanzen. Dann kam kaltes Regenwetter den ganzen Sommer hindurch, z.B. der Weizen bl\u00fchte erst anfangs September. Im November wurden die \u00c4hren vom Stroh geschnitten und auf&nbsp;<em>dem<\/em>&nbsp;Ofen getrocknet. Es war ein milchi\u00adges Korn vorhanden das dann ger\u00f6stet und alsdann zu Mus oder Suppe verarbeitet wurde. Futter f\u00fcr das Vieh konnten sie auch nicht d\u00f6rren, es verfaulte fast auf den Wiesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Viehbestand war nat\u00fcrlich nicht so gross wie heute, es waren etwa 10 K\u00fche vorhanden f\u00fcr Hausmilch. Pferde hatten nur die M\u00fcller. Die Kartoffeln waren gar nicht geraten dieses Jahr. Meine Mutter sagte eine Base und sie h\u00e4tten an einem Tag einen kleinen Kratten voll ausgehackt, die gr\u00f6ssten wie Baumn\u00fcsse. Wenn sie den Karst aus der Erde zogen war das Loch voll Wasser. Die Kartoffeln durften nicht gegessen werden, sie mussten als Saatgut aufbewahrt werden. Man kann sich vorstellen, wie das ein Winter wurde. Es ging noch so bis Neujahr, dann kam\u2018s schwierig, die Leute mussten fast verhungern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eines Abends sagte meine Grossmutter zu meiner Mutter, was meinst, m\u00f6chtest du mit mir nach Z\u00fcrich laufen \u00fcber den Albis, dann bek\u00e4mest du wieder einmal genug zu essen. Sie musste einen Kapitalzins im Florhof abgeben und dann bekam sie jedes Mal ein Mittagessen. Mit Freude sagte meine Mutter zu, obschon sie erst 8 Jahre alt war(geb.1809). Morgens sechs Uhr gingen sie von Herferswil fort, um die Mittagszeit kamen sie beim Zinsherrn an. Er fragte sie erstaunt ob sie den Zins doch zusammengebracht h\u00e4tten, er habe das nicht erwartet. Aber jetzt m\u00fcsse er ihnen leider sagen, dass sie nicht mit ihm Mittagessen k\u00f6nnten, weil er in Gottes Namen selber nichts habe. Da kam ein grosser Schrecken \u00fcber die Beiden, doch sagte der Herr, hier habt ihr einen Kronentaler, dass ihr etwas zu essen bekommt. Da gingen sie die Marktgasse hinunter in eine B\u00e4ckerei und verlangten Brot.&nbsp;<em>Da hiess es, wenn ihr keine Marken habt, ist es mir bei Todesstrafe verboten Brot zu geben. Das Mehl ist mir beim Lot abgewogen f\u00fcr meine Kunden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war ein trauriger Bescheid. Nun gingen sie weiter bis in die Enge in die Wirtschaft \u201ezur Geduld\u201c und verlangten etwas zu essen. Habt ihr Marken? Nein, da erhielten sie die gleiche Ant\u00adwort wie beim B\u00e4cker, obschon die Grossmutter erkl\u00e4rte \u201ewoher und wohin\u201c und sie heute noch Keinen Bissen zu essen bekommen hatten. Nun sagte sie m\u00fcssen wir ohne etwas gegessen zu haben noch heim.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Grossmutter musste noch in einen Laden um Kn\u00f6pfe zu kaufen. Als sie eintraten standen einige Personen dort und klagten einander, dass sie vor Hunger fast sterben. Es sahen auch alle fast wie Leichen aus. Da sagte die Grossmutter:&nbsp;<em>Ich sehe schon, wir haben nicht alleine Hunger. Sie erz\u00e4hlte ihr Schicksal von heute.<\/em>&nbsp;Da nahm der Kr\u00e4mer ein St\u00fcck Brot vom Laden und sagte:&nbsp;<em>Mein Kind wenn du das erste Mal in Z\u00fcrich bist, musst du nicht sagen, dass du nicht ein St\u00fccklein Brot bekommen hast, ich will mit dir teilen. Ich bekomme noch drei Tage kein Brot, aber eine Stun\u00adde fr\u00fcher oder sp\u00e4ter, wenn Keine Hilfe kommt muss ich auch ster\u00adben wie viele andere auch.&nbsp;<\/em>Nun zerschlug er das steinharte Brot mit einem Hammer. Es zersprang in f\u00fcnf St\u00fccklein, zwei behielt er, drei gab er mir, alle weinten. Als wir auf der Strasse waren gab ich der Mutter das gr\u00f6ssere M\u00f6ckli. Wir versogen es wie Zucker und hatten es bis Adliswil noch im Munde. So erz\u00e4hlte die Mutter manchmal.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie kamen doch noch heim, hatten auf dem Weg sich manchmal gefragt, gibt\u2018s vielleicht doch noch etwas zu essen, aber was. Als sie in die K\u00fcche kamen, hatte die Base doch das Nachtessen in der Pfanne. Es bestand aus lauter giftfreien Gr\u00e4sern welche die Leute daheim auf den Matten gesucht hatten. Die Ihrigen glaub\u00adten als wir eintraten, die haben jetzt nicht so Hunger und bringen noch etwas zu essen mit. Aber da hatten sie sich get\u00e4uscht. Auch Fett war keines vorhanden, da man f\u00fcr die Schweine kein Futter hatte. Alle Leute mussten so von Gras und Schnecken leben. Als keine Weissen mehr vorhanden waren wurden auch Rote gekocht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da endlich war etwas Getreide aus \u00c4gypten angekommen, denn die Bergp\u00e4sse waren schneefrei geworden. Es musste mit Mauleseln \u00fcber den Gott\u00adhard getragen werden, vorher bis Genua mit dem Segelschiff, dann mit Wagen bis Gotthard.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Fleisch galt das Pfund 35 Rappen, warum assen die Leute nicht solches? Ist bald gesagt, die K\u00fche durften nicht geschlachtet werden, denn sie waren nur Haut und Knochen. Waren die K\u00fche nicht mehr da, von wem sollten die Leute die Milch nehmen, wenn wieder Futter vorhanden war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bald kamen die Kirschen, es gab gottlob sehr viel und das Jahr 1817 war ein sehr fruchtbares Jahr. Aber eben bis etwas gewachsen war ging\u2018s schmal zu. Als die Regierung sah, dass wieder eine gute Ernte bevorstand gab sie die letzten Getreidereserven aus den Kornh\u00e4usern frei, da ging\u2018s wieder besser.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aktualisiert: 09.12.13\/H. Hinnen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/wissen\/geschichte\/Jahr-ohne-Sommer-kreatives-Jahr--\/story\/27565358\" target=\"_blank\"><strong>Siehe auch&nbsp;Tagesanzeiger vom Juni 2013&nbsp;(klick)&nbsp;<\/strong><\/a><\/p>\n\n\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:25%\"><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hungerjahr 1816 Karline Schneebeli (geborene Frick, gelebt 1855-1940) aus Herferswil hatte 1939 in einem Aufsatz beschrieben, wie ihre Mutter das Jahr 1816 erlebt hatte. 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